International Podcast Day: Wie geht's der deutschen Podcast-Branche?
Vor allem so beim Thema Storytelling-Podcasts. Ich hab da mal bei ein paar Leuten nachgefragt.
Das hier ist BEIFAHRERSITZ, der vielleicht ehrlichste Newsletter übers Podcasten und die Podcast-Branche. Ihr wollt mitfahren? Dann einfach hier einsteigen:
Happy International Podcast Day! 🎈
Ich würde diesen Feiertag gerne zum Anlass nehmen, um mit euch über die Branche zu sprechen. Und ich sag mal so: Es lief schon mal besser, oder? (Sorry, wir starten nicht ganz so feierlich. Zum Ende wird’s besser, versprochen!)
Als ich 2020 bei Podstars angefangen habe, waren wir gerade mitten in dem, was man aus heutiger Sicht vielleicht als die goldenen Zeiten der Branche bezeichnen könnte: Agenturen sprossen wie Pilze aus dem Boden, überall wurden Leute gesucht, jedes Unternehmen wollte einen eigenen Podcast machen, Plattformen haben Originals produziert, Podcaster*innen unter Vertrag genommen oder für Millionen von Dollar ganze Studios gekauft.
Als ich mich 2023 selbstständig gemacht habe, war die Anfangseuphorie bereits erloschen. Damals hat Spotify-Gründer Daniel Ek zugegeben, dass er sich habe »mitreißen lassen«, als er so viel Geld in Podcasting investiert hat. (2019: $340 Mio. für Gimlet und Anchor, ca. $55 Mio. für Parcast, 2020: ca. $200 Mio. für The Ringer, $235 Mio. für Megaphone, $200 Mio. für Joe Rogan, 2021: $60 Mio. für Alex Cooper. Allein das sind insgesamt über eine Milliarde Dollar.)
Schon 2022 kam die Kehrtwende bei Spotify: Originals wurden eingestellt, Exklusiv-Deals nicht verlängert, später wurden Hunderte Mitarbeitende entlassen und die teuer eingekauften Podcast-Studios Gimlet und Parcast geschlossen. Der Fokus verschob sich weg von Eigenproduktionen hin zu Werbetechnologie und Hosting.
Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf Deutschland. Auf dem buchstäblich letzten »All Ears« 2024 hat man gemerkt, dass die Stimmung anders war.
Ich glaube, viele Leute haben sich damals »mitreißen lassen«. Es wurde wahnsinnig viel Geld in eine Branche gepumpt, die noch gar nicht so weit war. Wie Maria Lorenz-Bokelberg immer so schön sagt: Unsere Branche ist – vor allem in Deutschland – noch super jung! Vor ein paar Jahren war sie noch ein Baby. Gib mal einem Baby eine Milliarde Dollar und verlang dann, dass das Baby daraus innerhalb von ein paar Jahren zehn Milliarden macht. (Ja, der Vergleich hinkt vielleicht …)
Meiner Meinung nach war Podcasting noch nicht mainstreamig genug, als die Leute Geld darauf geschmissen haben und dann enttäuscht waren, dass sie nicht sofort reich geworden sind. Wir wissen doch alle: Podcasting ist ein Marathon, kein Sprint! Sinnbildlich dafür ist wohl auch das Aus von Wondery vor ein paar Wochen.
(Wenn ihr wissen wollt, wie das als Produktionsfirma so ist, die mit Wondery zusammengearbeitet hat, kann ich euch diese Folge »Übers Podcasten« empfehlen.)
Wie geht’s der deutschen Podcast-Branche?
»Der Markt hat aktuell die Chance, sich nach dem Hype der letzten Jahre wieder gesund zu schrumpfen und neue Anwendungsbereiche zu erschließen«, sagt Janis Gebhardt von Studio Jot. Ich wollte wissen, wie es um die deutsche Podcast-Branche bestellt ist. Also habe ich ein paar Leuten Fragen geschickt, um ein Bild davon zu bekommen.
»Ich glaube, uns allen ist bewusst, dass momentan sehr viel Umwälzung passiert. Große Publisher oder Studios haben sich aus dem deutschen Markt verabschiedet, wodurch der Druck vor allem für Auftragsproduzent*innen stark wächst. Die Konsolidierung, die letztes Jahr begann, hat sich auch in diesem Jahr noch fortgesetzt«, schreibt Konstantin Seidenstücker von Studio Bummens. »Gleichzeitig steht der Werbemarkt für Podcasts nach wie vor sehr gut da und zeigt auch keine Anzeichen von einem Negativtrend.«
Das Ding ist ja: Der Podcast-Konsum steigt immer weiter. Klar, nicht mehr so rasant wie während Corona – aber Podcasts gelangen immer tiefer in den Mainstream. (Ich musste schon sehr lange niemandem mehr erklären, was ein Podcast ist.)
Bei meinen Befragungen wollte ich vor allem wissen, wie es mit Storytelling-Podcasts in Deutschland aussieht. Wondery war schließlich eins der wenigen Zuhause für narrative Formate.
»Hier gibt es auf jeden Fall einen spannenden Gegensatz, denn die Nachfrage unter unseren Hörerinnen und Hörern nach Storytelling-Podcasts wächst weiterhin sehr deutlich. Wir haben das beispielsweise am sehr dynamischen Wachstum von ›Teurer Wohnen‹ zu ›Teurer Fahren‹ gesehen«, sagt Christian Bollert von detektor.fm. »Gleichzeitig gibt es momentan deutlich weniger Partner oder Auftraggeber für hochwertige journalistische Storytelling-Podcasts.«
Das ist etwas, das viele gesagt haben, die ich gefragt habe: Der Need für aufwendig produzierte Podcasts ist da – es will nur keiner bezahlen. Oder: Es will niemand genug bezahlen. Vielleicht auch: Es kann sich einfach keiner (mehr) leisten? Das Podcast-Kollektiv Lagune 11 (bestehend aus Julius Bretzel, Emeli Glaser, Sabrina Höbel, Niko Kappel, Dennis Müller und Simon Wörz) hat mir geschrieben:
Unserer Erfahrung nach sind qualitativ hochwertige Storytelling-Podcasts weiterhin gefragt. Insbesondere in erfolgreiche Feeds wird investiert, um sie noch erfolgreicher zu machen. Auf der anderen Seite schwindet die Geduld mit Formaten, die in Staffel 1 zahlenmäßig noch nicht so gut funktionieren. Und wir haben auch schon erlebt, dass eine Auftraggeber einen Pitch von uns abgelehnt hat, mit der Begründung, dass langformatiges, dokumentarisches Storytelling aktuell nicht ins Geschäftsmodell passe.
Eine größere Hürde ist die mäßige Honorierung pro Arbeitstag, im Vergleich zu manchen Always-On-Formaten oder festen Schichten beim ÖRR. Das liegt auch daran, dass in manchen Redaktionen das Verständnis fehlt, wie aufwändig so ein Storytelling-Podcast wirklich ist, wie viele Arbeitsschritte und welche fachliche Expertise nötig sind, damit das Projekt gut wird. Eine weitere Hürde ist der hohe Zeitaufwand. An einem Storytelling-Podcast arbeitet man locker mal ein Jahr, bis alles finalisiert ist. Eine Rolle spielt dabei auch die oft langwierige Kommunikation mit Redaktionen, insbesondere zu Anfang. Vom Pitch über die Zusage und die Honorarverhandlungen bis man dann wirklich arbeitet, kann einige Zeit vergehen, in der man noch kein Geld verdient hat.
Auch für Freelancer*innen ist die Arbeit an Storytelling-Formaten ein Kraftakt. Eine Freelancerin erzählt, dass sie die Anfangsrecherche manchmal über Förderungen oder Stipendien teilfinanzieren kann – aber eben nur, wenn diese überhaupt angeboten werden. »Dazu kommen unbezahlte Pitches und Wettbewerbe, in denen ich eigene Projekte ausprobiere – sie bringen zwar selten Geld, aber potenziell Aufmerksamkeit, wertvolle Kontakte und kreative Impulse.«
Eine andere Freelancerin schreibt, dass sie es sich nicht leisten kann, mehr als einen Storytelling- oder Doku-Podcast pro Jahr zu verkaufen. »Mehr geht nicht, weil es für mich unterm Strich immer ein Minusgeschäft ist. Aber ich liebe die Arbeit daran, deswegen läuft es bei mir unter ›Herzensprojekt‹.« Weiter schreibt sie:
Ich kenne keinen Auftraggeber, der ein reelles Honorar für Storytelling-Projekte zahlen will / kann. Und mit »reell« meine ich, dass tatsächlich jede Arbeitsstunde bezahlt wird. Ich finde es sehr schade, dass es so wenig Verständnis für den Aufwand gibt, der hinter einer guten Doku steckt – und dadurch, dass diese Projekte häufig mit zu wenig Budget produziert werden, leidet die Qualität.
Das Problem beschreibt auch Su Holder von BosePark Productions:
Die Budgets sind immer total knapp bemessen. Es ist immer noch oft ein Kampf und Krampf in den Kalkulations-Gesprächen. Es ist sehr oft so, dass man dann mit Menschen Budgets bespricht, die aber danach nicht redaktionell beteiligt sind. Das fällt einem dann in der Produktion auf die Füße. Der Produktionsaufwand wird generell immer noch massiv unterschätzt. Ganz besonders die ganze Kommunikation drum herum.
Trotzdem: Die Liebe für aufwendig produzierte Podcasts höre ich bei allen raus, mit denen ich geschrieben habe. »Etwa 30 bis 40 % unserer Aufträge sind Storytelling-Podcasts. Wir möchten in Zukunft gerne mehr produzieren. Diese Formate machen uns ja auch am meisten Spaß. Wir sind Content Lovers!«, sagt Su Holder.
»Wir lieben Storytelling-Podcasts! Denn hier können wir unsere Skills voll ausspielen, insbesondere im Fiction-Bereich«, schreibt mir Sven Sommer von We Are Producers. »Die Dramaturgie einer Geschichte wird nicht nur über die Dialoge erzählt, sondern vor allem über den gezielten Einsatz von Musik, die Schaffung von Räumlichkeit und Bewegung im Raum. Es wird eine Immersion kreiert, die die Zuhörer kontinuierlich im Audiofilm hält.« Außerdem schreibt er:
Beim Pitchen merken wir, wie schwierig es ist, Formate – insbesondere im Fiction-Bereich – zu platzieren. Denn die Budgets bei den Auftraggebern sind in der Regel fix. Und dann stellt sich dort die Frage: Möchte ich ein aufwändiges, aber auch kostspieliges Format umsetzen? Oder will ich lieber das Budget auf mehrere kleine Projekte verteilen und habe so mehr Formate, die ich veröffentlichen kann?
Kurzer Einschub: Zum Thema Pitches kann ich diese Quellen sehr empfehlen:
Übers Podcasten: »Podcast-Prozesse in der ARD mit Marc Krüger vom rbb«
The Audio Insurgent: »What Creatives Don’t Understand About Execs«
Warum gibt es zu wenig Geld?
Okay. Die Hörer*innen wollen Storytelling-Podcasts. Die Produzent*innen machen gerne Storytelling-Podcasts. Aber es gibt zu wenig Geld. Warum?
Christian Bollert bringt es auf den Punkt:
Nachdem sich mit Spotify und zuletzt im Sommer Wondery die beiden großen Milliardenkonzerne aus der Finanzierung von Podcasts so gut wie komplett verabschiedet haben, ist natürlich für Produzierende eine Lücke entstanden. Eine Lücke, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk alleine auch nicht füllen kann. Das liegt nicht nur an der immer noch ausstehenden Entscheidung des Verfassungsgerichts zur Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Rein über Werbung lassen sich Storytelling-Podcasts vermutlich in der aktuellen wirtschaftlichen Situation nicht finanzieren, deshalb schauen natürlich viele auf Bezahlmodelle. Das betrifft insbesondere private Anbieter wie beispielsweise Verlage oder andere Medienhäuser.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in vielen Antworten erwähnt, die ich bekommen habe. Er ist einer der wenigen großen Auftraggeber, die es für aufwendige Produktionen noch gibt. Da Storytelling-Podcasts schwierig in der Vermarktung sind und sich deswegen selten direkt refinanzieren können, schrecken andere Player eher zurück. Die Kosten muss man sich leisten können oder wollen. Deswegen arbeiten so viele mit dem ÖRR zusammen – aber würden sich mehr Gelegenheiten wünschen, wie zum Beispiel Janis Gebhardt:
Dem Öffentlich-Rechtlichen fehlt es aktuell an einer wahrnehmbaren Strategie für die Zukunft. Und es fehlt der Mut, gemeinsam Neues auszuprobieren, ohne jede Idee penibel gegen die Fehler der eigenen Vergangenheit kugelsicher zu machen. Jedes gelungene Projekt wird behandelt wie ein Einzelfall und gibt leider kaum Aufschluss darüber, welche Rolle man füreinander in Zukunft vorgesehen hat. Förderungen durch private oder öffentliche Stiftungen und Institutionen haben häufig lange Anlaufphasen und sind thematisch sehr spitz. Die Workflows sind deshalb nur bedingt reproduzierbar.
Das Problem mit den Förderungen kennen einige. »Das ist für uns viel zu zeit- und nervenaufwendig. Diese ellenlangen Ausschreibungen sind inhaltlich und bürokratisch eine Zumutung und totaler Irrsinn«, findet Su Holder.
Ich hab das Gefühl, in Österreich klappt das mit den Förderungen besser. Das klingt auch bei Jeanne Drach von OH WOW: »Förderungen sind bei euch ja auch rarer als in Österreich.« Da ist mir eine Meldung von 2024 wieder eingefallen, dass zum ersten Mal eine neue Podcastförderung vergeben wurde. Fast eine halbe Million Euro wurden vergeben. Dafür ist die Zusammenarbeit mit dem ÖRR in Österreich schwieriger, hat mir Jeanne Drach erzählt. Sie denkt noch größer:
Es braucht klare Finanzierungsmodelle und Strukturen. Wenn Fördermodelle für Audio gestärkt werden – ähnlich wie in der Filmbranche – und Kooperationen mit öffentlich-rechtlichen Sendern verstärkt (bzw. in Österreich überhaupt ermöglicht) werden, können Storytelling-Podcasts enorm gewinnen. Wichtig ist auch die Sichtbarkeit: Preise, Festivals und Plattformen, die narrative Formate aktiv hervorheben. Dann haben wir im deutschsprachigen Raum die Chance, Storytelling-Podcasts als eigenständiges, kulturell relevantes Medium zu etablieren.
Wir sind nicht allein mit dem Problem von zu wenig staatliche Förderung für Podcasts. Allein im Juni diesen Jahres habe ich drei Nachrichten zu Forderungen nach mehr Förderung gelesen:
UK: AudioUK kritisiert, dass Podcasts trotz Millionen Hörer*innen und wirtschaftlicher Bedeutung weiterhin nicht zu den Creative Industries zählen und daher keine gezielte Förderung erhalten.
Frankreich: Die PIA fordert die staatliche Anerkennung und Förderung von Podcasts, da kulturell wertvolle Formate wie Doku-Podcasts ohne Unterstützung bedroht sind.
Kanada: Podcast-Produzent*innen fordern in einem offenen Brief die Regierung auf, Podcasts offiziell anzuerkennen und zu fördern, um lokale Inhalte zu sichern und der US-Konkurrenz zu trotzen.
Promi-Podcasts und Distribution
Storytelling-Podcasts sind aufwendig in der Produktion und dadurch teurer als die ebenfalls sehr beliebten Laber- und Interview-Podcasts. Manche behaupten sogar, dass die einen, den anderen auf dem Gewissen hätten. Und mit wem sind viele der Laber- und Interview-Podcasts besetzt? Genau, mit Promis.
Dass Promi-Formate die unabhängigen Podcasts verdrängen würden, wird schon seit dem Moment gesagt, als »Fest & Flauschig« bei Spotify startete. Dabei ist es doch wie in anderen Medienformen auch: Menschen mit großer Reichweite ziehen viele Werbepartner und Zuhörer*innen an, während es gleichzeitig auch in der Mitte und der Nische Kunden und Personalities gibt, die zusammenpassen.
Das antwortet Konstantin Seidenstücker auf die Frage, ob er glaubt, dass Promi-Formate unabhängige und / oder aufwendige Produktionen verdrängen. Weiter schreibt er: »Dennoch sind es aus meiner Sicht vor allem Promi-Formate, die auch viele neue Hörer*innen in Podcasting locken, die vorher noch keinerlei Berührungspunkte mit dem Medium hatten. Das hilft dann der ganzen Branche.«
Prominente Hosts sind aber kein Erfolgsgarant für Podcasts, weiß Lara Johnen von arc.studio. »Auch prominente Shows scheitern, wenn das Konzept nicht trägt. Langfristig entscheidet immer der Content. Niemand hört dauerhaft Person XY nur wegen des Namens. Wenn die Show nicht mit Inhalten liefert, springen auch hunderttausende Ersthörer*innen schnell wieder ab«, schreibt sie mir. »Promis verkürzen die Ramp-up-Phase, aber am Ende entscheidet Content.«
Alle drei Freelancerinnen, die ich befragt habe, kritisieren, dass bei Storytelling-Podcasts und Hörspielen zunehmend Hosts oder Stimmen mit großer Reichweite oder Prominenz eingesetzt werden – oft auf Kosten inhaltlicher Expertise oder Ausbildung. Ich kenne das aus meinem eigenen Berufsalltag: Eine der ersten Fragen bei der Auswahl von Hosts war immer die nach der Reichweite. Kaum ein Unternehmen traut sich noch, eigene Talents aufzubauen. Dabei gibt es so tolle Beispiele wie Lea Utz vom BR-Podcast »Telephobia«.
Aber ich verstehe den Gedanken dahinter natürlich. Promis bringen Podcasts halt schneller oder überhaupt ins Rollen. »Beim Storytelling-Podcast hatte der Promi-Host lange die Rolle eingenommen, die früher der Verlag erfüllt hat: Die Verbreitung von Inhalten und Verdichtung von Interesse an einem Thema«, schreibt Janis Gebhardt. Im Optimalfall machen Promi-Hosts auf ihren eigenen Social Media-Kanälen so viel Werbung, dass die Fans zu Hörer*innen konvertieren.
(Kann aber auch ein Flop werden, wenn die Promis nur eingekauft werden, sich nicht mit dem Podcast identifizieren und im Vertrag keine regelmäßigen Posts verlangt werden. Hab ich selbst schon erlebt.)
Beim Thema Prominenz kann man auch eine Art Umweg nehmen, wie Lagune 11:
Wir produzieren aktuell zwar keinen Promi-Laber-Podcast, dennoch spielt Prominenz bei unserer Arbeit eine Rolle – und zwar bei der Themenfindung. Biografien bekannter Menschen bieten unserer Ansicht nach oft viel erzählerisches Potenzial. Im Mai erschien z.B. unser Podcast »Stars unserer Kindheit: Elfie Donnelly & Peter Lustig«, über das Leben und Wirken zweier prominenter Menschen.
Im Grunde sollen Promis in vielen Fällen ja irgendwie eine Distributions-Strategie ersetzen, oder? Ja, das leidige Thema Distribution … (Und damit meine ich natürlich nicht, den Podcast auf Plattformen hochzuladen.)
Distribution ist besonders bei Storytelling-Podcasts eine Herausforderung, denn in der Regel sind die Folgen limitiert und damit auch die Zeit, neue Hörer*innen zu erreichen.
»[Bei der Distribution] fehlt es in den großen Häusern oft noch an Expertise und unserem Eindruck nach teilweise leider auch an Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen. Das ist vor allem schade, weil ein aufwändiges Projekt dadurch weniger Hörer*innen erreicht, als es könnte«, bemängelt Lagune 11. Damit sind sie nicht allein. Viele sind frustriert, weil die Auftraggeber*innen die Distribution nicht bei den Studios oder Produktionsfirmen beauftragen, sondern selbst in die Hand nehmen. Oder eben nicht in die Hand nehmen – und dann wegen niedriger Downloadzahlen enttäuscht sind und den Podcast im schlimmsten Fall als Misserfolg verbuchen.
»Der Trend geht unserer Erfahrung nach deshalb zu Feeds mit mehreren Staffeln, die dauerhaft bespielt werden und so immer mehr Reichweite aufbauen können«, schreibt das Kollektiv. Eine Lösung, von der mehrere Leute, die ich befragt habe, sprechen und die sich bewährt hat.
Jeanne Drach beschreibt, wie es im besten Fall laufen sollte: »Unser Prinzip: 50 % der Ressourcen fließen in die Produktion, 50 % in die Verbreitung.«
Die Rolle von Video-Podcasting
An einem Thema kommen wir nicht vorbei, wenn es um Distribution geht: Video. Filmen gehört für viele Podcaster*innen mittlerweile zum Standard-Programm, damit sie im Anschluss die lustigsten, spannendsten, kontroversesten oder emotionalsten Momente aus einer Folge schneiden und als Kurzclips auf Social Media verbreiten können. Wenn möglich, wird die ganze Folge als Video auf YouTube oder Spotify hochgeladen.
Das schafft nicht nur die Option für Hörer*innen, ihren Lieblingshosts zuzugucken, sondern auch zusätzliche Einnahmen durch YouTube Ads oder das Spotify Partner Program für Video-Podcasts (allerdings nur, wenn die Podcasts groß genug sind). Möglich sind aber auch »Sponsoring-Integrationen direkt im Set«, wie Lara Johnen erzählt. Auf LinkedIn teilt ihr Team immer mal wieder spannende Cases (Case 1 | Case 2 | Case 3).
Und auch zum Spotify Partner Program teilt sie Insights: »Video-Shows mit starker Community erzielen so monatlich wiederkehrende Einnahmen, bei uns deutlich höher als früher über das Audience Network. Trotzdem bleiben Haupteinnahmequellen: plattformunabhängige Baked-In Ads, Marken-Kollaborationen, Live, Social und Merch.« Trotzdem ist sie sich sicher: »Audio bleibt der Kern – Video treibt Wachstum und erschließt neue Budgets.«
Viele der Studios, mit denen ich geschrieben habe, registrieren eine gestiegene Nachfrage für Video-Podcasts und haben dementsprechend nachgerüstet.
Bei Laber- und Interview-Podcasts ist es relativ einfach mitzufilmen. Schwieriger wird es da bei Storytelling-Podcasts, um nochmal zum Thema zu kommen. Das erschwert die Distribution über Social Media. Manche sehen Video deswegen als Bedrohung, als Konkurrenzkampf zwischen zwei Lagern: die mit Video und die ohne.
Auch ich hatte als Indie-Podcasterin Angst, als vor einem Jahr Spotifys Push in Richtung Video begann. Mittlerweile sehe ich das alles entspannter. Video gehört zur Weiterentwicklung des Mediums. Und es lässt sich nicht mehr aufhalten. Vielleicht bleibt es, vielleicht geht es aber auch wieder zurück.
Oder wie Konstantin Seidenstücker so schön sagt:
Hör- und Sehgewohnheiten verändern sich. Und mit Gen Z wächst nun eben eine Generation heran, die an Podcast-Content nochmal vollkommen anders rangeht und auch anders definiert. Das muss man anerkennen. Der Plattform-Push auf Spotify für Video-Content tut dann sein Übriges. Wenn der Main Player in der Branche alles auf Bewegtbild auslegt, ist es natürlich logisch, dass der Trend zum Zuschauen zunimmt.
Viele der Leute, mit denen ich gesprochen habe, finden übrigens gar nicht, dass Storytelling- und Laber-Podcasts Konkurrenz sind – weil sie eben so unterschiedlich sind und in ganz anderen Situationen und / oder von anderen Zielgruppen genutzt werden.
Wie geht’s jetzt weiter?
Meine letzte Frage an die, die ich befragt habe, war danach, was sich verändern müsste, damit Storytelling-Podcasts wieder an Bedeutung gewinnen. Und weil dieser Text sowieso schon so lang geworden ist, kommen hier einfach ein paar der Antworten, die für sich sprechen – und Hoffnung machen.
Janis Gebhardt von Studio Jot:
Wir sollten uns wieder bewusst werden, welchen Zweck ein Storytelling-Podcast erfüllt und nicht dem apokalyptischen Bild glauben, dass kreative Vermittlung von Inhalten durch KI schlagartig abgelöst wird. Dann können wir auch alle den ganzen Tag HUEL oder yfood trinken und uns freuen, dass wir nicht mehr Essen müssen. Effizienz wird die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, Hingabe, Schönheit und Erkenntnis hingegen schon.
Su Holder von BosePark Productions:
Die guten TV-Dokus und Print-Journalist*innen sollten ihre tollen und aufwendigen Recherchen auch in Podcasts zweitverwerten. Ich würde mir wünschen, dass Verantwortliche verstehen, dass guter Content eben mehr Geld kostet. Das ist im Vergleich zu den Kosten beim Fernsehen zum Beispiel ja immer noch lächerlich.
Sven Sommer von We Are Producers:
Menschen lieben Geschichten – das ist wahrscheinlich so, seit es Menschen gibt. Und Podcasts transportieren Geschichten mit der ursprünglichsten Art der Kommunikation: dem gesprochenen Wort. Daher bin ich fest davon überzeugt, dass diese Art des Podcasts immer Hörerinnen und Hörer finden wird. Und wenn es bedeutet, dass wir mehr pitchen müssen. Ich glaube, insbesondere im Corporate-Sektor ist noch viel Luft nach oben. Mit gut gemachten Storytelling-Podcasts könnten sich Unternehmen positionieren und größere Zielgruppen erreichen, anstatt in der Flut von Interview-Podcasts zu versinken.
Christian Bollert von detektor.fm:
»It’s the economy, stupid.« Zwei zentrale Bausteine der Finanzierung (Werbung und Bezahlmodelle) hängen schlussendlich an der wirtschaftlichen Konjunktur und der individuellen Kaufkraft der Hörerinnen und Hörer. Sollte sich die Wirtschaftskrise, in der wir uns in Deutschland seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine befinden, ein wenig verbessern und wir möglicherweise sogar mal wieder in eine Zeit des Wachstums kommen, wird auch die Finanzierung von Storytelling-Podcasts wieder ein Stück weit einfacher.
Konstantin Seidenstücker von Studio Bummens:
Weiterhin exciting, auch wenn wir hier und da merken, dass es nicht rund um die Uhr High Life ist. Die letzten Jahre waren für die meisten ein unglaublich toller Run. Nun lief es an einigen Stellen aber auch mal weniger gut, die Entlassungswellen wie bei Wondery sind unglaublich hart. Das ist vor allem für die Beteiligten sehr schlimm, ist für die Branche insgesamt aber erstmal eine Momentaufnahme und kein Gesamturteil, wie es grad um uns steht.
Der Trend zeigt doch nach oben. Die Menschen hören Podcasts nach wie vor, immer mehr switchen zu Podcast als ihrem Haupt-Informationsmedium oder um sich »aufzuschlauen« oder eben entertainen zu lassen. Plattformen versuchen Wege zu finden, Podcasts sichtbarer zu machen – ob mit Video oder ohne und nach wie vor findet man immer wieder neue Shows, die einen begeistern. Wir machen das alle schon ganz gut, wachsen als Branche und haben auch weiterhin spannende Jahre vor uns. Auch wenn es auf diesem Weg nun manchmal auch ruckelt.
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Eurowaves is a biweekly newsletter covering the European podcasting industry, written by Andreea Coscai. It includes interviews with industry professionals, podcast reviews, recommendations from European podcasters, and local events and opportunities.
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Happy IPD!